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Schrift

Ist das geschriebene Wort eine Kulturtechnik, die uns langfristig erhalten bleiben wird?

Breitband-Internetverbindungen und Mobilgeräte erleichtern es Audio- und Videoinhalte zu teilen. Auf den meisten Bildschirmen ist es wenig angenehm längere Texte zu lesen und auf den immer häufiger eingesetzten Mobilgeräten ist es noch unbequemer solche überhaupt zu verfassen. Gleichzeitig haben sich Plattformen etabliert, die uns einen niemals endenden Strom von Neuigkeiten liefern, dem wir keine Chance haben vollständig zu folgen. Darauf verdrängen Video- und Audiodateien zunehmend ohnehin immer knappere Texte. All das ändert zwangsläufig, wie wir mit Informationen umgehen. Wir sind herausgefordert, rasch schnell aufeinander folgende audiovisuelle Reize zu verwalten.

Preis der Geschwindigkeit

Vorbei sind die Zeiten, in denen wir etwas aufnehmen, länger in unserem Kopf wälzen und dann über langsame Medien wie Briefe und Bücher mit jenen wenigen Leuten reflektieren, die sich zufällig in unserem Umfeld befinden und die uns nicht notwendigerweise zustimmen, weil sie oft andere Ansichten haben. Auch ausführlichere Gespräche von Angesicht zu Angesicht werden immer häufiger von raschen Nachrichten unserer Mobilgeräte zerrissen.

Heutzutage können wir schnell online Leute finden, die uns ohne Erklärungen unmittelbar zustimmen, weil wir nur mit ihnen zu tun haben, da sie unsere Vorlieben teilen. Das bestärkt uns in unseren Vorurteilen. Weil wir mit einer konstanten Datenflut konfrontiert sind, haben wir auch gar keine Zeit, einzelne Themen lange mit unterschiedlich denkenden Leuten zu reflektieren.

Das macht uns manipulierbar. Besonders weil in dieser Datenflut immer weniger nachvollziehbar ist, welchen (eventuell nicht mal realen) Individuen und Informationen wir vertrauen können. Bei Fortführung dieses Trends werden wir als Gesellschaft die Fähigkeit verlieren, mit Texten zu arbeiten. Die Rolle von Texten wird zunehmend von Videos übernommen. Die logische Konsequenz daraus ist, dass in Zukunft nur noch Historiker:innen einen Anlass haben werden, Texte zu lesen. Die Fähigkeit Texte zu schreiben, wird dann völlig nutzlos. – Zumindest so lange wir ohne Energieausfall zuverlässig eingebunden in unsere Techno-Sphäre sind.

Historische Entwicklung

Den Anfang dieser Tendenz bekommen wir bereits mit. Heutzutage schreiben kaum noch Leute Briefe. Immer weniger Leute entwickeln ihre persönliche Handschrift, weil sie von klein an bereits Texte tippen. Für sie ist es überflüssig zu lernen einen Stift koordiniert über Papier zu bewegen. Sogar Emails werden von Kurznachrichten und inzwischen immer häufiger Audioaufzeichnungen und Videos ersetzt.

Ich behaupte nicht, dass es prinzipiell wichtig wäre, Schrift zu bewahren. Es ist allerdings eine Kulturtechnik, die zumindest historisch sehr nützlich war. Es kann durchaus sein, dass sie lediglich ein Übergangsmedium war. Trotzdem möchte ich ins Bewusstsein rufen, dass Schrift – zumindest abseits von Computern – den großen Vorteil hat, ohne konstante Energieversorgung zugänglich zu bleiben. Zusätzlich erlaubt sie eine zeitunabhängige Individuelle Beschäftigung mit Inhalten, die nicht durch eine überwältigende permanente Flut von Informationen unser kritisches Denken überfordert.

Es ist kein Zufall, dass ich diese Webseite als minimalistische Textseite gestalte. Meiner Erfahrung nach erleichtert es dieser Aufbau meine Ideen ungestört auf den Punkt zu bringen. Als Grafiker könnte ich leicht aufwändige Gestaltungen und Bilder einsetzen. Mir würde das allerdings nur als Ablenkung erscheinen. Damit liegt diese Seite eindeutig nicht im Trend. Alles wird immer bunter, animierter und bild- und videolastiger. Alles scheint zunehmend um Aufmerksamkeit zu schreien.

Vorschlag

Gedruckte Texte auf Papier haben natürlich nicht nur Vorteile. Sie sind – besonders für nur vorübergehend relevante Inhalte – auch eine durchaus beachtenswerte Umweltverschmutzung und brauchen viele Ressourcen, die eventuell anderswo nutzbringender eingesetzt werden könnten. Mir erscheint es gut die meisten Ausdrucke durch eine online-Verbreitung von Informationen übergehen zu können und ich sehe auch ein großes, bisher nur sehr eingeschränkt genutztes Potenzial unserer Vernetzungstechnik.

Womöglich ist eine umsichtige Bewahrung möglichst verschiedener Technologien langfristig die beste Strategie, um unser Wohlergehen zu maximieren und abzusichern. Diesen Text verstehe ich daher als einen Hinweis auf einen mir absehbar erscheinenden Trend. Ich möchte vorschlagen das geschriebene Wort nicht voreilig als überholte Technologie aufzugeben, da es durchaus relevante Qualitäten hat, die neuere Technologien bisher nicht ersetzen können.